Stuttgart02

„Gut sein“ oder „nicht schlecht sein“

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Vielleicht haben Sie bessere Nerven! Mir jedenfalls gehen so alte Ladenhüter richtig auf die Nerven. Zum Beispiel das uralte Unschuldsverslein vieler Menschen heute, wenn es um die Frage der persönlichen Schuld geht. „Ich habe niemand umgebracht und gestohlen hab ich auch nichts.“ Und schon meinen solche kleinen Unschuldswürmchen, sie seien riesige humane und christliche Elefanten. Nicht wenige erwarten sich sogar noch Lob und Anerkennung für ihr „Gut sein“.
Ist „gut sein“ nicht viel mehr als „nicht schlecht sein“? Vermutlich scheiden sich jetzt die Geister! Die unterste Latte vom gut sein, das ist doch wohl diese so leicht dahingesagte Behauptung kein Verbrecher zu sein. Mir ist das zu wenig. „Gut sein“ hat für mich etwas mit Aktivität, ja sogar etwas mit Aggressivität zu tun.
Um „gut sein“ zu erkennen, muss man zuerst einmal die Antennen ausfahren und einen Blick gewinnen für die Gelegenheiten des „gut seins“.
Wie viele Familienmitglieder oder Mitglieder von Gemeinschaften und Organisationen sehen auch nach vielen, vielen Jahren nicht die vielen kleinen Handgriffe, die sie spielend leicht verrichten könnten und die sie ohne Skrupel anderen überlassen. Diese Anderen sind dann immer wieder die Dummen.
Würden alle, die achtlos jede Art und jede Menge Dreck wegwerfen, ihre Energie dafür verwenden, weggeworfenen Dreck zu beseitigen, das wäre schon ein erster Schritt zu einem kleinen Paradies.
Der Blick für das „Gut sein“ muss schon in den ersten Lebensjahren eingeübt werden. Später wird es immer schwieriger. Manche glauben gar nicht helfen zu können, weil sie einfach keine Kraft haben. Ich meine, wir alle müssen jeden Tag unsere Muskeln für das „gut sein“ trainieren. Nicht nur die Geschickten und die Starken können ein Möbelstück tragen. Das können auch die Schwächeren, die Ungeschickten, wenn sie sich etwas anstrengen und ihre negative Einstellung zu solchen Dienstleistungen überwinden.
Unsere Gesellschaft heute braucht keine festliche Nächstenliebe, keine übertriebenen Liebesbeteuerungen, sie braucht eine sehr reale Hilfe für den Nächsten, sie braucht neue Maßstäbe der Liebe, die weit über Begriffe wie Vorteil, Nutzen, Gewinn oder Erfolg hinausgehen. Maßstäbe, die den bequemen Menschen in uns aufrütteln und uns bewegen, die engen Grenzen unserer nur auf das „eigene Ich“ engestellten kleinen Welt zu überschreiten und zu durchbrechen. Diese Grenzüberschreitungen sollten wir trainieren, dann kann uns bewusst werden, dass “gut sein“ mehr ist als „nicht schlecht sein“.

P . Ernst Kusterer SDB

 

 

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