Stuttgart02

Kann man Glauben lernen?

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Gestern hat sie wieder begonnen (wirklich erst gestern!?), die Adventszeit, die „schönste Zeit im Jahr“. Aber ursprünglich war auch diese Zeit eine Zeit der Stille, eine Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten, der Geburt Jesu Christi im armen Stall von Bethlehem, eine Zeit, seinem eigenen Glauben wieder nachzuspüren, ihn wieder neu zum Glänzen zu bringen.
Eine alte Geschichte erzählt von einem Mann, der sich eines Nachts in einem Wald verirrt hatte und plötzlich auf eine blinde, alte Frau traf. „Den Weg“, so sprach sie, „den kennst du nicht? Ich kenne ihn gut, so folge mir!“ Der Mann war verwirrt: „Nur zu, aber es scheint sonderbar, wenn mir jemand vorangeht, der gar nicht sieht.“ Die Blinde ergriff seine Hand und sagte leise: „So komm!“ – Diese alte Frau war der Glaube.
Man kann den Glauben gut mit dieser alten Frau vergleichen. Er ist ein guter Führer, wie eine liebe, weise Alte, die uns sagt: „Setz deinen Fuß hierhin, nimm diesen Weg, der dich hinaufführt.“
Aber das geschieht erst in einem zweiten Moment, wenn der Glaube bereits zur Überzeugung geworden ist, wenn er Wurzeln im Denken geschlagen hat und von dort aus das Handeln des einzelnen steuert und lenkt. Doch zunächst muss sich diese Überzeugung überhaupt erst einmal bilden und sich im Menschen festsetzen. Und genau darin liegt oftmals die Schwierigkeit. Denn da enthüllt sich der Weg des Glaubens nicht als ein romantischer Waldspaziergang, sondern als eine manchmal recht schwierige, bisweilen dramatische und immer geheimnisvolle Reise.
Es ist schon schwer genug, anderen Menschen zu glauben und ihre Überzeugungen anzunehmen. Wie schwer ist es dann mit dem Glauben. Der Schüler hört zum Beispiel von seinem Lehrer, dass die Erde 148 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt ist. Er möchte dies überprüfen, aber wie soll er das anstellen? Mutig setzt er einen Akt des Vertrauens: Der Lehrer ist ehrlich und kennt sich aus, also vertraue ich ihm. Ähnlich ist es mit dem Glauben an Gott: Er ist wie ein kindliches JA, das wir zu Gott sagen, nachdem er uns etwas von seinem inneren Leben erzählt hat. Ein JA zu dem, was Gott sagt, und zugleich ein JA zu dem, der es sagt. Wer dieses JA ausspricht, muss sich auch eingestehen: Ich bin nicht derjenige, der alles weiß, der bei allem das letzte Wort hat, der alles nachprüfen kann.
Ob ich zum Glauben finde, das ist nicht immer meine eigene Entscheidung. In das geheimnisvolle Glaubensdrama des Menschen fügt sich ein entscheidendes Element ein: das Eingreifen Gottes. Ein römischer Dichter des vergangenen Jahrhunderts hat den ‚nach Glauben Suchenden‘ mit dem Bild eines Schlafenden verglichen, zu dem Gott sagt: „Steh auf!“. Nach diesem Eingreifen Gottes jedoch ändert dieser seine Taktik, er wirkt ‚mit uns‘, wir können seine freien Mitarbeiter werden. Gott hat den Schlafenden aufgeweckt; ob dieser dann aber aus dem Bett aufsteht, das ist seine Sache. Die Hilfestellungen Gottes sind wirklich mächtig, aber er will sie nicht mit Macht aufzwingen. Es ist eine ‚heilige Gewalt‘, die dazu führt, dass wir uns in die Wahrheit verlieben, aber sie raubt uns nicht die Freiheit. Es kann durchaus vorkommen, dass jemand, der geweckt wird, sich auf die andere Seite dreht und sagt: „Lass mich doch weiterschlafen!“
Gewiss kann man den Glauben nicht lernen, sondern man muss ihn einüben, jeden Tag aufs Neue, ihn als Einladung betrachten. Eine solche Einladung kann die Adventszeit sein, die Zeit der Stille, die Zeit den Glauben mit einem anderen Licht zu suchen und zu finden.

P . Jörg Widmann SDB

 

 

 

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