Stuttgart02

Zeit der Reife und der Ernte

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Die Erntezeit ist wieder da, die Zeit auch der Weinlese. Der griechische Philosoph Plutarch meinte schon um 100 nach Christus: „Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste..“.
Forscher sehen im Wein ein hervorragendes Mittel der vorbeugenden Medizin. Ein italienisches Labor entdeckte im Rotwein ein Molekül, das sogar ein Grippe-Killer sein soll. Es blockiert das Grippevirus. Wir wissen alle, bei maßvollem Genuss hat Wein im Bereich Herz und Kreislauf eine medizinische Wirkung. 
Wein also ist und bleibt ein kostbares Geschenk. Deshalb: ihn nicht einfach nur trinken, sondern ihn zelebrieren. Die richtige Stimmung, die passende Umgebung, ausreichend Zeit und gute Freunde gehören dazu, und auch ein Glas, das dem Wein die richtige Entfaltung ermöglicht.
In der Hl. Schrift heißt es: „Wie Lebenswasser ist der Wein für den Menschen, wenn er ihn mäßig trinkt. Was ist das für ein Leben, wenn man keinen Wein hat, der doch von Anfang an zur Freude geschaffen wurde“ (Jesus Sirach 31,27).
Bei all dem Gesagten dürfen wir nicht vergessen, wie viel Mühe und Schweiß bei der Weinlese, wie viel Pflege und Sorge der Winzer notwendig waren, bis wir ein gutes Glas Wein genießen können, aber auch wie viel Sonne, Wärme und Regen von oben.
Kürzlich las ich, dass im Winter 90 % des letztjährigen Holzes am Weinstock abgeschnitten werden und dass die Güte eines Weines auch davon abhängig ist, wie viel Ruhe- und Reifezeit ihm in den Fässern gelassen wird.
Bis ein Mensch in seinem Leben eine reife Persönlichkeit wird, sind ganz ähnliche Abläufe und Phasen notwendig. Auch wir müssen mit schweren Schicksalsschlägen und Trennung, mit Brüchen und Verzicht fertig werden. Auch wir brauchen immer wieder Sorge und Pflege, Urlaub und Erholung, Ruhe und Zeiten des Atemholens, bis wir wahrhaft weise Menschen sind und bei uns von einem gelungenen Leben sprechen können.
Unangenehmes und Schweres im Alltag haben letztlich eine wichtige und notwendige Aufgabe: wir erhalten Lebensweisheit, Reife und Tiefe.
Vielleicht benötigen wir Jahre, ja vielleicht ein ganzes Leben, um diese notwendigen Wachstums- und Reifeschritte zu erkennen und sie im Herzen auch anzunehmen. Gelingt es uns, dann wird unsere Dankbarkeit wachsen gegenüber unserem Schöpfer, der es immer und jederzeit gut mit uns meint und das Gelingen unseres Lebens im Blick hat.
„Prosit“ sagen wir bei einem guten Glas Wein, „möge es dir nützen“.

P. Ernst Kusterer

 

 

 

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