Stuttgart02

Wie erkenne ich meine Berufung?

Pater+Reinhard+Gesing+SDB

Von Pater Reinhard Gesing SDB,
Leiter des Instituts für Salesianische Spiritualität in Benediktbeuern

 

Berufung zum Menschsein
Jeder Mensch ist einmalig und unersetzbar. Der Glaube sagt uns, dass Gott jeden Menschen ins Dasein gerufen und ihm eine einzigartige Berufung geschenkt hat: Das Wort an den Propheten Jeremia darf auch jeder auf sich selbst beziehen: "Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Muterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt" (Jer 1, 4).

Dieses Geschenk der Berufung zum Menschsein ist uns Einladung, die menschlichen Gaben, die uns ins Leben mitgegeben sind, zu entfalten: unsere Leiblichkeit und unser Gefühlsleben, unsere Beziehungsfähigkeit und unsere Geschlechtlichkeit, aber auch unseren Verstand, unsere Talente und Begabungen. Je mehr wir uns als Menschen entfalten, desto mehr werden wir was wir immer schon sind und werden sollen: Ebenbilder Gottes (vgl. Gen 1, 27).

Berufung zum Christsein

In der Taufe sind wir darüber hinaus zum Christsein berufen. In der Taufe wurde uns die Gotteskindschaft geschenkt, über die wir uns freuen dürfen und die wir in der großen Gemeinschaft der Christen, in der Kirche, leben dürfen. Heute spüren wir wieder mehr als in früheren Zeiten, dass es nicht selbstverständlich ist, zum Volk Gottes gehören zu dürfen. Mit Taufe und Firmung sind wir aber auch gerufen, Jesus Christus nachzufolgen und Zeugen des Evangeliums zu sein. Wir sind Jünger Jesu Christi und dürfen und sollen wie er, durch Wort und Tat das Reich Gottes zu den Menschen unserer Zeit bringen.

Berufung zu einer spezifischen christlichen Lebensform

Innerhalb der gemeinsamen Berufung zum Christsein haben sich im Laufe der Geschichte vielfältige Formen entfaltet, die christliche Berufung zu leben. Alle diese unterschiedlichen Ausfaltungen der einen christlichen Berufung sind gleichwertig und ergänzen einander:

Die einen sind gerufen, als Laien Christus in der "Welt" (z.B. im Beruf, in der Politik, in Vereinen und Verbänden) nachzufolgen und zu verkünden; viele von ihnen sind gerufen zu Ehe und Familie, andere zur Ehelosigkeit.

Wieder andere sind dazu berufen, als Diakone, Priester und Bischöfe in der Kirche die Dienste der Verkündigung, den Dienst an den Sakramenten und den Dienst an den Bedürftigen zu vollziehen und die Gemeinden zu leiten.

Laienseelsorger und -seelsorgerinnen, Pastoral- und Gemeindereferenten, Katecheten und Katechetinnen, Religionslehrer und Religionslehrerinnen verkünden den Glauben und begleiten Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen auf ihrem Glaubensweg.

Die Ordensmänner und Ordensfrauen in den Klöstern sind dazu berufen, durch ihr beschauliches Leben Zeugnis von der Gegenwart Gottes in dieser Welt zu geben und stellvertretend für die Anliegen der Menschen zu beten.

Und die Ordenschristen in den apostolischen Orden sind dazu berufen, den armen und bedürftigen Menschen zu dienen. So wissen wir Salesianer Don Boscos uns besonders gerufen, den bedürftigen jungen Menschen "Zeichen und Botschafter der Liebe Gottes" zu sein.

Zeichen für eine geistliche bzw. kirchliche Berufung

Jede Berufung ist ein Geschenk Gottes. Doch sie fällt nicht vom Himmel und ist meist auch nicht durch einen "direkten Eingriff von oben" erkennbar. Wie also kann man seine eigene Berufung bzw. die Berufung zu einem Dienst in der Kirche erkennen? Der Ruf Gottes ist durch Zeichen zu ersehen, die Gott uns in unserem alltäglichen Leben meist indirekt gibt. Oft sind diese Zeichen unauffällig und leise, manchmal auch scheinen sie widersprüchlich zu sein. Deswegen brauchen wir Zeit und auch Stille, um diese Zeichen zu erkennen und zu unterscheiden, welche von Gott kommen.

Oft zeigen sich Berufungen da, wo jemand über längere Zeit mit seiner eigenen Lebenssituation nicht mehr zufrieden ist, wobei diese Unzufriedenheit keinen erkennbaren Grund hat (also z.B. nicht in eigenem Versagen, Überforderung, Anpassungsproblemen oder einem kritischen Ereignis usw. begründet ist). Alle kirchlichen Berufungen sind Dienst für andere. Ein wichtiges Erkennungszeichen ist daher die Erfahrung von Freude im Dienst an anderen Menschen, besonders an bedürftigen Menschen. Hierzu gehört auch die Bereitschaft zu selbstlosem Tun, ohne dafür gleich Dank oder Belohnung zu erwarten.

Kirchliche Berufungen sind ohne religiöse Motivation nicht lebbar. Freude am Glauben, Hingezogensein zu spirituellen Werten und Vollzügen (z.B. Gebet, Meditation, Schriftgespräch) und die Bejahung der kirchlichen Gemeinschaft sind darum Grundlage einer jeden geistlichen und kirchlichen Berufung. Eng damit verbunden ist auch das Hingezogensein zur Feier der Eucharistie, die ja die Mitte des christlichen Lebens ist. Kirchliche Berufungen sind immer Berufung in die Gemeinschaft und zum Dienst an der Gemeinschaft. Anzeichen für eine Berufung können daher auch sein, wo jemand Freude daran hat, den Glauben mit anderen zu teilen (z.B. in Bibelgruppen, Glaubensgesprächen usw.).

Der Glaube durchdringt den ganzen Menschen. Eine Berufung wird darum bei jemandem erkennbar, der zumindest Verständnis dafür und den Willen danach hat, dass sein ganzes Leben vom Evangelium durchformt werde, ohne dabei irgendwelche wichtigen Bereiche auszuklammern. Mit der Zeit gehört zu einer Berufung auch eine wachsende innere Gewissheit und die damit verbundene Freude: Ich bin von Gott gemeint! Er ruft mich an! Und ich bin damit froh! Es ist freilich keine Gewissheit, die nicht auch immer wieder von Zweifeln und Unsicherheiten begleitet würde.

Zeichen für eine Berufung zum Salesianer Don Boscos

Außer den hier genannten Anzeichen für eine geistliche Berufung sind für eine Berufung zum Salesianer Don Boscos auch noch spezifische Kriterien wichtig:

Die Salesianer Don Boscos folgen Jesus Christus nach in der Weise, wie Don Bosco es vorgelebt hat. Eine salesianische Berufung kann sich daher nur entfalten, wo jemand sich von Don Bosco angesprochen und berührt weiß.

Die Salesianer Don Boscos sind berufen, "Zeichen und Botschafter der Liebe Gottes" für die jungen Menschen zu sein. Offenheit für und Interesse an jungen Menschen, insbesondere an den ärmeren unter ihnen, und die Freude am Jugendapostolat sind darum unverzichtbare Zeichen einer salesianischen Berufung.

Die salesianische Berufung ist eine Berufung in eine brüderliche Gemeinschaft. Sie vollzieht sich heute aber auch im Miteinander und in gegenseitiger Ergänzung mit vielen Laien. Die Bereitschaft und Fähigkeit zum Leben in einer brüderlichen Gemeinschaft, aber auch die Fähigkeit zum Arbeiten im Team sind daher wichtige Voraussetzungen für eine salesianische Berufung.

Wie jede Ordensberufung so beinhaltet auch die salesianische Ordensberufung ein Leben in Gehorsam, Armut und eheloser Keuschheit. Die Bejahung dieser drei evangelischen Räte und die Bereitschaft, sie in der Hingabe für junge Menschen mit Leben zu erfüllen, sind ebenfalls ein unverzichtbares Zeichen einer salesianischen Berufung.

Hilfen zum Erkennen der eigenen Berufung

Wie gesagt, keine Berufung fällt vom Himmel. Sie ist vielmehr ein lebenslanger Prozess. Sie ist ein Geschehen, das sich in der Liebesbeziehung Gottes mit dem Menschen vollzieht, und bleibt darum im Letzten auch ein Geheimnis. Gott will ja niemand zwingen. Er will unsere freie Zustimmung zu dem Weg, auf den er uns ruft.

Die Erfahrung zeigt aber, dass es Hilfen gibt für den Findungs- und Entscheidungsprozess: Allen voran sind hier Zeiten der Stille und des Gebetes zu nennen. Ohne das persönliche Gespräch mit dem, der ruft, also mit Gott und seinem Sohn Jesus Christus, ist die Berufungsfindung kaum möglich. Auch das Lesen der Hl. Schrift, insbesondere der Berufungsgeschichten in ihr, kann helfen zu verstehen, wie es denn vor sich geht, wenn Gott einen Menschen ruft.

Die (am besten schriftliche) Reflexion über das eigene Leben, über die eigenen Begabungen, Stärken und Neigungen, aber auch über die eigenen Schwächen ist vielen sehr hilfreich. Auch das Sammeln von Informationen ist wichtig. Wenn ich spüre, dass mich eine bestimmte Berufungsform besonders interessiert, dann ist es hilfreich, möglichst viel über sie in Erfahrung zu bringen. Auch das Gespräch mit Menschen, die für den Glauben und für eine geistliche Berufung aufgeschlossen sind und einen gut kennen, ist eine wichtige Hilfe (z.B. das Gespräch mit Seelsorgern, Eltern, Lehrern, Paten, Freunden usw.).

Schließlich sind auch praktische Erfahrungen wichtig: einfach mal ein paar Tage eine bestimmte Berufung aus der Nähe miterleben, z.B. in Form eines Praktikums oder in Form von Mitleben in einer geistlichen Gemeinschaft ("Kloster auf Zeit"). Hier trifft man inzwischen überall offene Türen (und Herzen) an, ohne sich dabei für irgendetwas zu verpflichten. So wird man innerlich spüren, ob einen eine bestimmte Lebensform anspricht oder nicht.

Bei all dem sind Begleitung und Reflexion der gemachten Erfahrungen (z.B. in einer regelmäßigen geistlichen Begleitung durch einen vertrauten Seelsorger) eine gute Hilfe. Geduld und Gelassenheit sind bei diesem manchmal langwierigen Findungs- und Entscheidungsprozess nötig, dann aber auch der Mut zur Entscheidung und zu deren Umsetzung, wenn man einen bestimmten Schritt als richtig erkannt hat. Und auch dann hat man meist noch mehrere Jahre der Erprobung und der Prüfung des eingeschlagenen Weges vor sich, bevor eine endgültige Entscheidung (z..B. Ewige Gelübde) zu fällen ist.

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Salesianer Don Boscos
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Die Salesianer Don Boscos in Stuttgart, eine Niederlassung der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos, begleiten, fördern und unterstützen in Absprache und enger Zusammenarbeit mit dem katholischen Jugendreferat / BDKJ-Dekanatsstelle die Jugendseelsorge in den katholischen Gemeinden und Seelsorgeeinheiten der Großstadt Stuttgart. Mehr zur Arbeit der Salesianer Don Boscos in Deutschland erfahren Sie unter: www.donbosco.de

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