Eine Niederlassung
in Trägerschaft der
Salesianer Don Boscos

Winzerkultur tut uns allen gut

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Kürzlich habe ich mir von einem Winzer, einen kompletten Weinstock mit Wurzeln, Stock und Reben erbeten. Ich wollte mit meinen Schulkameraden beim Klassentreffen ein wenig über unseren Reifungsprozess nachdenken. 60 Jahre sind meine Klassenkameraden heuer geworden und viele sind schon im vorzeitigen Ruhestand.
So ein Weinstock kann gut 70 bis 80 Jahre alt werden - also unserer menschlichen Lebenserwartung vergleichbar. Aber mein Weinstock war gerade 37 Jahre alt, als er herausgehauen wurde. Der Weinberg wurde an die Erfordernisse der neuen Maschinen angepasst und so wurden die Stöcke im vollen Saft entfernt.
Viele meiner Klassenkameraden erlebten ein ähnliches Schicksal, als in meiner Heimat das Bergwerk geschlossen wurde. Bergleute, die auf ihren Beruf stolz waren, sollten in Fabriken am Fließband arbeiten. Für viele brach eine Welt zusammen. Entwurzelt nahmen sie ihre Abfindung entgegen und so mancher fand keinen Boden mehr unter den Füssen. Was vor 30 Jahren eine Katastrophe für meinen ganzen Heimatort war, ist heute nahezu Alltag. Keiner weiß mehr wie lange er in dem Betrieb arbeiten wird, in dem er die Lehre gemacht hat.
Bei den Weinstöcken - hat mir der Winzer erklärt – nimmt die Qualität der Trauben mit dem Alter zu. Das liegt auch daran, dass sie nicht mehr im Überschuss Trauben ansetzen sondern gerade so viele, wie sie auch zu einer guten Qualität ausreifen können.
Wenn der Weinstock dagegen voll im Saft steht, dann setzt er viel mehr Trauben an als er jemals zur Reife bringen kann. Er muss mehrmals zurück geschnitten werden und viele Traubenansätze werden entfernt, weil der Stock zum einen unter der Last zusammen brechen würde und zum anderen die Qualität des Weines leidet. Ein schmerzlicher Prozess für den Weinstock und ein arbeitsintensiver Prozess für den Winzer, das Gleichgewicht von Weinlaub und Traubenansatz den Fähigkeiten des Weinstocks anzupassen. Diese intensiver Beschäfti-gung mit seinen Stöcken spürt man auch in der Art wie der Winzer mit seinen Reben, seinen Trauben und mit seinem Wein umgeht.
Wenn auch viele Arbeitsgänge maschinell durchgeführt werden, so ist doch der sorgsame und zufriedene Blick des Winzers nicht zu übersehen, wenn sich die Stöcke gut entwickeln. Auf alle mögliche Weise unterstütze er die Entwicklung der Rebstöcke und schützt sie vor Schäd-lingen, damit sie sich gut entwickeln und Frucht ansetzen können.
Ich wünsche unseren Wirtschaftsunternehmen und unseren Betriebsstrukturen etwas mehr „Wengerterkultur“.

Vielleicht hat die Erfahrung der Winzer auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt und in unserem Alltag eine Bedeutung:
- dass ein Mensch nur begrenzte Kapazität für hochwertige Leistung hat
- dass die Mitarbeiter vor den Profitläusen und Aktienamseln geschützt werden
- dass jeder einzelne Mitarbeiter eine Menschenwürde hat, die nichts mit seiner Produktivität zu tun hat
- dass auch ältere Menschen ihre Stärken haben

Wenn sie in diesen Tagen durch die Weinberge wandern, dann hören sie auf die Rebstöcke, was sie Ihnen zu sagen haben; und wenn Sie sich wieder ein Gläschen Wein gönnen, dann genießen sie die Kunst der Winzer und Kellermeister.
Lassen wir unseren Alltag von der Winzerkultur veredeln.
Gönnen wir den jungen Leuten Zeit zum Austreiben und Gären, den Älteren Zeit zum Reifen und uns allen ein „Viertele“!

P. Alfons Blüml SDB

 

 

 

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