Eine Niederlassung
in Trägerschaft der
Salesianer Don Boscos

Aufstand im Himmel

7

„Am 31. Januar 1888, kurz nach Mitternacht, setzte bei Don Bosco der Todeskampf ein. Der Heilige bewahrte auch dabei eine erstaunliche Ruhe; er war keineswegs ängstlich und verzagt, eher heiter und gelassen. Als die Glocken den „Engel des Herrn“ zu läuten begannen, beteten die Versammelten gemeinsam den Englischen Gruß. Sie waren damit noch nicht zu Ende, als plötzlich und fast unvermerkt der Atem Don Boscos aussetzte. Aufs tiefste ergriffen, stimmte Monsignore Cagliero sogleich das Gebet an: „Subvenite Sancti Dei“ – Eilt zu Hilfe, ihr Heiligen Gottes.“ So steht es geschrieben bei Carlo Salotti.

Don Bosco war nie ein Zauderer oder Zögerer, und so ging es für ihn auf direktem Weg an die Himmelstür, wo er – nicht gerade sanft – klopft.
Petrus dreht den Himmelsschlüssel, schiebt die schwere Eichentüre auf, stutzt einen Augenblick und ruft dann in heller Begeisterung: „Ja Don Bosco, Don Bosco, herzlich willkommen! Wir alle, Engel und Heilige warten schon auf dich. Komm in das Reich deines Vaters.“
In dem Moment, als Don Bosco seinen Fuß über die Eichenschwelle setzt, schießt mit einem Satz „der Graue“, der Hund Don Boscos daher, um auch einen Platz im Himmel zu erwischen.
„Halt Don Bosco, halt, das war nicht ausgemacht, das geht auf keinen Fall. Im Paradies hat noch nie ein Tier Unterschlupf gefunden.“ Petrus ist verärgert.
„Der Hund ist mir sehr wichtig,“ versucht Don Bosco zu beschwichtigen. „Ihr habt ihn ja zu mir geschickt, um mich zu retten. Es war doch die Vorsehung Gottes, oder? – Also, wenn der Hund nicht mitkommen darf, dann verzichte ich auch – freiwillig.“
Don Bosco hat noch nicht ausgeredet, da fällt die schwere Eisentüre krachend zu und Don Bosco steht draußen.

Der liebe Gott hat heimlich die Auseinandersetzung mitgehört. Als er jetzt „rein zufällig“ dem immer noch erregten Petrus begegnet, erkundigt er sich über den Lärm und die Aufregung. „Stell dir vor, dieser Don Bosco, dieser Heilige der Jugend, wollte mit seinem grauen Hund in unser Paradies. Das hat es ja noch nie gegeben: ein Tier im Himmel!“
Der liebe Gott sieht das alles nicht so tragisch und versucht zu beruhigen: „Dann unterschreibe eben eine Ausnahmegenehmigung oder mach einen Sonderfall, dann ist das Problem gelöst und die Ruhe ist hier oben wieder hergestellt.“
Petrus ist zwar nicht überzeugt, aber Befehl ist Befehl, und so kommt Don Bosco mit seinem Grauen in den Himmel.

Zwei, drei Tage vergehen, und wirklich, Don Bosco ist glücklich im Paradies, mit seinem „Grauen“, mit den Engeln und mit den Heiligen. Doch Petrus ist verschwunden. Die Engel werden zum Suchen ausgeschickt, vergebens. Petrus ist nicht zu finden. Wo mag er stecken?
Da nimmt der liebe Gott die Sache selbst in die Hand, und mit donnernder Stimme ruft er nach Petrus. Es dauert lange, bis der sich zeigt. Langsam, traurig, mit Tränen im Gesicht kriecht er aus seinem Versteck. „Was ist los mit dir, warum bist du so verstört, so traurig“, will der liebe Gott wissen. Petrus wischt sich die Tränen beiseite. „Herr, ich bin nicht einverstanden, dass du den Hund Don Boscos hier in unser Paradies gelassen hast. Mein Hahn, der mich an meinen Verrat erinnert hat und der mich zu dir wieder hinführte, ja der für mich so wichtig ist, der muss draußen bleiben. Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, dann muss auch er in den Himmel dürfen.“
Der liebe Gott will keine größere Unruhe, er stimmt zu, und so kommt der Hahn in das Paradies zu Petrus.

Der Freudenschrei des Hahnes ist noch nicht verklungen, und schon meldet sich eine nächste Stimme. Franz von Assisi hat von seiner Wolke aus das ganze Spiel mitverfolgt. Mit lieblich himmlischer Stimme wendet er sich nun an den erstaunten lieben Gott: „Herr, Don Bosco darf seinen Hund mitbringen, Petrus seinen Hahn, was ist mit meinen Vögeln? Gerade mit ihnen hast du mir ja deine Schöpfung nahegebracht. Durch sie kann ich dich loben und preisen. Durch sie habe ich dich erst erkannt.“
Der liebe Gott lächelt. Bereits bei Don Bosco und bei Petrus mit ihren Tieren war ihm bewusst, dass auch Franziskus kommen würde. Nun ist er da. Alles Streiten hilft jetzt nichts.“ Es ist schon in Ordnung, du darfst auch deine Vögel kommen lassen. Bring sie nur her.“ Das Paradies war wieder in Ordnung, Ruhe und Zufriedenheit im gesamten Himmel.

Oder doch nicht? Mit einem Mal ist der ganze Himmel in Aufruhr. Überall blitzt und donnert es, Unruhe breitet sich plötzlich im Himmel aus. Die Engel und Heiligen erstarren: Jesus, der Sohn Gottes erscheint.
Seit Tagen sieht er die Tiere im Himmel. Das widerspricht zwar nicht der Liebe seines Vaters, aber seltsam kommt es ihm doch vor, wenn er an die Tage denkt die er auf Erden verbrachte. Seine Verwunderung bringt er auch gleich an der richtigen Stelle an: „Als ich geboren wurde in Bethlehem, in Kälte und Armut, da hat mich keiner besucht und gewärmt, nur ein Ochs und ein Esel. Sie haben mir gleichsam die ersten Stunden auf der Erde Lebenshilfe gegeben. Verdienen es nicht gerade diese beiden, in den Himmel zu kommen.“
Der liebe Gott schweigt. Wie soll er auch seinem eigenen Sohn, der nichts anderes tut, als den Willen des Vaters zu befolgen, widersprechen. So schweigt er. Die Engel verstehen dieses Schweigen als Zustimmung, und so kommen auch Ochs und Esel ins Paradies.
Aus dem „Sonderfall“ Don Bosco ist nun eine ganze Schar geworden. Hund und Hahn, Vögel, Ochs und Esel streifen durch das Paradies. Glücklich und zufrieden sind sie, so eben, wie man nur im Himmel zufrieden sein kann.

Doch das Ende des Aufruhrs ist noch nicht gekommen. Schon wieder meldet sich jemand zu Wort. Noa protestiert mit gewaltiger Stimme. „Wo bleiben meine Tiere? Sie haben für mich und das ganze Universum ein neues Leben gebracht. Durch sie hat ja der liebe Gott die guten Menschen gerettet. Auch ich verlange Gerechtigkeit für alle.“
Der liebe Gott nimmt eine Denkpause. Es ist ja unverschämt, was dieser Don Bosco ihm da eingebrockt hat. Es ist ja die reinste Kettenreaktion. Soll er wirklich alle Tiere so ganz in seine Nähe lassen, alle hier in den Himmel? Was wird das erst für ein Lärm sein, wenn sie alle da sind?  Der liebe Gott kommt zu dem Schluss, sich selbst treu zu  bleiben. Wenn schon grenzenlose Liebe, dann überall und zu allen. Gesagt, getan, und schon kommen die Tiere aller Art durch die Himmelstür.
Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. Überall tönt, jauchzt, jubelt es zur Ehre Gottes.

Auch Don Bosco ist zufrieden. Zufrieden, aber nicht glücklich. Irgend etwas lässt ihn da nicht in Ruhe. Immer wieder denkt er wehmütig an seine Kinder und Jugendlichen, an Salesianer und Don Bosco Schwestern, die vielen Ehemaligen, seine Mitarbeiter, seine Freunde und Wohltäter, denen er in den Jahren auf der Erde begegnen durfte. Es ist doch seine Familie. Wenn sie nur alle hier wären, oder wenn er nur die Sicherheit bekäme, dass sie alle einmal hierher kommen würden.
Don Bosco denkt und überlegt, erwägt diesen und jenen Plan. Plötzlich ist es ihm klar, und mit einem verschmitzten Lächeln kommt er zum lieben Gott. „Herr, ich weiß, dass ich an dieser großen Unruhe hier im Himmel nicht ganz unschuldig bin. Wo ich mit meinen Freunden bin, da ist es einfach immer einwenig lauter. Aber Herr, ich habe noch viele viele liebe Lebewesen und Geschöpfe von dir zur Seite bekommen, die mir auch sehr am Herzen liegen und die mir sehr wichtig sind. Erlaube mir bitte die Frage, ob sie auch kommen dürfen.“
Der liebe Gott schaut unwillig zur Seite. Die ganze Angelegenheit, die dieser Don Bosco angezettelt hat, muss nun endlich einmal ein Ende haben. „Ja, sie sollen alle zu dir kommen und bei dir sein, wenn dann endlich Ruhe herrscht. Aber du musst dich auch um sie alle kümmern.“ Don Bosco bringt nur noch ein „Danke“ über seine Lippen.
Er ist erleichtert! Endlich ist sein Werk vollendet. Überglücklich sieht er vor seinen Augen seine Don Bosco Familie und vor allem seine geliebten Jugendlichen. Seine Worte, die er oft auf der Erde bei der „Guten Nacht“ und bei Ansprachen verwendete, fallen ihm plötzlich wieder ein: Ich bin erst glücklich, wenn auch Ihr glücklich seid. Leise murmelt er jetzt diesen Satz in einer neuen Version vor sich hin: „Jetzt bin ich glücklich, weil auch Ihr glücklich seid.“

So schnell er nur kann rennt Don Bosco zur großen Eichentür des Himmels, schließt sie auf und lässt „seine“ Familie in den Himmel. Bevor er aber die Türe wieder schließt, schiebt er einen Stein dazwischen, damit die Tür immer einen Spalt offen bleibt und er sich um seine Familie auf der Erde kümmern kann.

So haben wir die Sicherheit, dass wir alle einmal in den Himmel kommen, und wir haben die Gewissheit, dass Don Bosco sich auch vom Himmel aus um uns sorgt.
Ich meine, das sollte uns alle froh stimmen und uns Mut machen.

P. Ernst Kusterer SDB

 

 

 

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