Eine Niederlassung
in Trägerschaft der
Salesianer Don Boscos

Etwas auf dem Kerbholz haben

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In unserer hektischen und schnelllebigen Zeit einmal durch einen mittelalterlichen Ort zu spazieren, sich eine mittelalterliche Stadt anzuschauen ist
ein Erlebnis von besonderer Art. Alte Fachwerkhäuser von Geschäftsleuten oder reich verzierte Giebel von wohlhabenden Bürgern, prächtig ausgestattete Kirchen und Kapellen, plätschernde, reich verzierte Brunnen zeugen heute von einer Zeit, in der man noch einen Sinn darin fand, etwas gerade so und nicht anders zu gestalten.
Besucht man die Rathäuser solcher Orte und Kleinstädte, so lohnt es sich,
dort etwas genauer umzusehen. Gerade Rathäuser im Mittelalter hatten einige bedeutsame Räume und Säle, in denen sich das wichtige Dinge für das Leben abspielte.
Da gab es den Gerichtssaal für die Rechtssprechung, den Saal für die Sitzungen des Gemeinderates oder einen Tanzsaal, in dem Gemeindefeste veranstaltet wurden. Oft gab es auch gerade im Rathaus den einzigen Bäckerladen in der Gemeinde. Alle Bürger sollten immer ausreichend Brot zu erschwinglichem Preis bekommen, und zudem sollten sich einzelne  Bäcker in der Stadt nicht durch Betrug und List beim Grundnahrungsmittel Brot Vorteile erschleichen.
Die einzelnen Bäcker ließen ihre Ware durch den Lehrling täglich zum Rathaus bringen. Dort hing ein Holzbrett an der Wand, zu dem der Lehrling genau das passende Gegenstück mitbrachte. Er legte beide Teile übereinander und ritzte mit einem scharfen Gegenstand an der Seite eine kleine Kerbe ein. Am Ende des Monats kam der Bäckermeister selbst zum Bäckerladen im Rathaus, um abzurechnen. Er legte wieder Brett auf Brett und zählte die Kerben ab, sodass er seine Ware bezahlt bekommen konnte.
Beide Hölzer wurden dann in einen Schraubstock gespannt und die Seiten mit einem Hobel wieder glatt gemacht, sodass neue Kerben geritzt werden konnten.
Wurde nicht die ganze Rechnung beglichen, oder wurde etwas nicht abgerechnet, so hatte er noch etwas auf dem Kerbholz. Daraus entwickelte sich der bekannte Spruch: „Etwas auf dem Kerbholz haben“.
Für die Einführung in die Beichte bei Jugendgruppen kann dieses Symbol
gut verwendet werden. Alles, was noch nicht erledigt ist, was man noch auf dem Kerbholz hat, wird vor Gott gebracht. Alles wird wieder mit Gott ins Reine gebracht!
Auch bei der Kreuzverehrung an Karfreitag kann das Kerbholz verwendet werden. Im Folgenden sind einige Gedanken dazu aufgeschrieben.

Kreuzverehrung mit dem Kerbholz

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Beim Betreten der Kirche wurde Ihnen ein Stück Holz in die Hand gedrückt mit der Versicherung, dass Sie dieses Kerbholz in der Liturgie benötigen.
Im Mittelalter lieferten die Bäcker ihr Brot in der Brotstube des Rathauses ab. Jeden Tag die gleiche Menge Brot. Der Brothüter vermerkte die Lieferung auf einem Kerbholz mit einer Kerbe. Wenn das Kerbholz voll von Kerben war, wurde der Bäcker bezahlt nach der Anzahl der Kerben auf seinem Kerbholz. Dann wurden die Kerben weggehobelt, und das Kerbholz wurde wieder neu verwendet.
Wenn wir heute von Kerbholz reden, meinen wir meistens etwas anderes. Wir kennen den Ausdruck "etwas auf dem Kerbholz" haben. Das hat, im Vergleich zu früher, als jede Kerbe Geld für den Bäcker bedeutete, eine negative Bedeutung erhalten. Etwas auf dem Kerbholz haben heißt heute, etwas angestellt haben. Wir alle haben solche Kerben auf unserem Lebens- Kerbholz. Es gibt niemand, der ein Holz ohne Kerben- ein Leben ohne Fehler- vorzuweisen hätte. Die Kerben können leicht Ritze sein oder auch tiefere Scharten. Vielleicht gibt es irgendwo in unserem Leben so eine tiefe Kerbe. Für sie büßen wir bewusst oder unbewusst oder sitzen gar eine Strafe ab.
Wie die Kerben im Brothaus weggehobelt wurden, so dürfen wir darauf vertrauen, dass einer da ist, der unsere Schuld bezahlt, weil er uns gern hat. Auch unsere Kerben werden weghobelt, wenn wir zu unseren Fehler stehen.
Dieses Stück Holz soll sie daran erinnern und herausfordern ihre Kerben einzugestehen. Am Karfreitag sind sie eingeladen Ihr Kerbholz bei der Kreuzverehrung im Kreuz Jesu abzulegen.
Es ist ein Eingeständnis, dass jeder von uns mitschuldig ist am Leid in der Welt - in unserer Umgebung.
Es ist aber auch Ausdruck der Hoffnung und des Dankes, dass Jesus unsere Schuld auf sich nimmt in seinem Leiden und in seinem Tod
Am Ostersonntag wird unser Kerbholz im Osterfeuer verbrannt. Es ist das Zeichen dafür, dass Gott uns eine neue Chance gibt.
Das Sakrament der Buße ist die Fachwerkstatt zur Bearbeitung von unserem Kerbholz. Es ist gewiss nicht immer einfach zur Beichte zu gehen. Wie viel Widerstand muss überwunden werden, bis sich einer aufrafft um im Beichtgespräch das eigene Kerbholz den Herrgott hinzuhalten und die Fehler einzugestehen. Aber wie befreiend ist es auch immer wieder zu erfahren, dass Gott den Hobel ansetzt und uns unsere Sünden verzeiht.

 

 

 

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